Der neue Freizeitspaß: Brau Dir Dein Bier selbst

Das deutsche Reinheitsgebot scheint unantastbar wie eine heilige Kuh. Aromatisierte Biere kennt man allenfalls aus dem Ausland, vor allem aus Belgien und den USA. Wie man auch hierzulande in den Genuss eines Weißbiers mit Eichen- und Honigaromen kommen kann, zeigt ein kleines Unternehmen aus der Nähe von München. Die Zauberformel: Brew it yourself.

 

Gleich vorweg: So einfach ist das mit dem Reinheitsgebot gar nicht, denn einen so betitelten Erlass Bierfässchen-(300-von-302)_306hat es nie gegeben – allenfalls die Bayerische Landesverordnung von 1516, die nur „Gersten, Hopfen unn wasser“ zur Bierherstellung zuließ. Gültig ist sie schon lange nicht mehr, wenngleich es bis heute bei der Wahl der Zutaten strenge Vorschriften gibt, vor allem für in Deutschland vertriebenes, untergäriges Bier. Doch das ist ein ganz anderes Fass, und soll ein andermal geöffnet werden.

Dass es unter diesen Vorzeichen möglich ist, ein in Deutschland entstandenes Pils mit Kirschnote zu genießen, ist den findigen Köpfen von „Braufässchen“ zu verdanken. Das 2011 gegründete Startup-Unternehmens, das ausgerechnet im bayerischen Giggenhausen, im Schatten der ältesten, noch bestehenden Braustädte der Welt liegt, nimmt Bestellungen per Internet entgegen und verschickt alle nötigen Zutaten für individuell gefüllte 5-Liter-Fässchen an Bierfreunde in ganz Deutschland – als Brausatz, sozusagen. Durch diesen Kniff wird der Kunde selbst zum Braumeister, und bestimmte gesetzliche Vorschriften für den Vertrieb von Bier gelten nicht, denn rechtlich betrachtet verkauft „Braufässchen“ kein Bier, sondern Lebensmittel.

Die Idee entstand, als die Firmengründer, die sich durch ein Programm am Gründerzentrum der Technischen Universität München kannten, beim Bier –natürlich– beisammen saßen, und feststellten, dass man doch immer nur das gleiche Bier trinkt. Eine größere Vielfalt von Sorten kannte man nur aus dem Ausland. Doch warum sollte man Ähnliches nicht auch einheimischen Genießern anbieten können?

Dabei ist der Grundgedanke, den Brauvorgang zum Kunden zu verlagern, nicht neu; Anleitungen zum Brauen zu Hause gibt es zuhauf, doch der Vorgang dauert lange und ist wegen der nötigen sterilen Bedingungen, aufwändig und kompliziert – vom anschließenden Zustand der Küche ganz zu schweigen.

 

Die erste Aufgabe der Gründer bestand also darin, eine schnelle, praktikable Braumethode für zu Hause zu entwickeln. Der Schlüssel zum Ganzen war bald gefunden: An die Stelle des Eimers, der bei vielen SBierfässchen-(31-von-302)_126elbstbraumethoden im Zentrum steht, tritt hier das namensgebende Braufässchen, das der Kunde steril und versiegelt erhält. Außerdem werden ihm alle komplizierten Arbeitsschritte abgenommen: Etwa das Maischen, wobei Gerstenmalz in warmem Wasser unter anderem Malzzucker bildet, oder das anschließende Läutern, an dessen Ende die Bierwürze entstanden ist. Dieses sirupähnliche Konzentrat erhält der Käufer neben den übrigen Zutaten, um sie nach genauer Anleitung ins Fass zu geben. Hat er das Braufässchen sorgsam mit dem beigefügten Überdruckventil wieder verschlossen, muss er nur noch daran denken, es am nächsten Tag einmal für zehn Sekunden auf den Kopf zu stellen und es während der letzten beiden Tage stehend im Kühlschrank aufzubewahren. Schon nach insgesamt einer Woche lockt dann Selbstgebrautes. So bleiben dem Kunden letztlich nur die Arbeitsschritte, die Spaß machen und gut umsetzbar sind. Ist bei anderen Heimverfahren ein Nachreifeprozess nötig, um Kohlensäure zu erzeugen, ermöglicht beim Braufässchen das erwähnte Überdruckventil die Bildung der begehrten schaumbildenden Komponente schon während der eigentlichen Gärung.

Was so einfach und schlüssig klingt, ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, wie Wolfgang Westermeier und Dominik Guber, die die Firma heute mit ihrem Kollegen Ping Lu leiten, erläutern. Zunächst einmal musste ein Brauprozess erdacht werden, bei dem genießbares Bier entstand – und den zukünftige Kunden einfach und schnell ohne Vorkenntnisse nachvollziehen können sollten. Dazu wurden pro Woche fünf bis sechs Fässer angesetzt, damals noch in der WG eines inzwischen ausgestiegenen Mitgründers. Außerdem mussten die vier Grundtypen entwickelt werden, die Braufässchen heute anbietet: Pils, Weißbier, Dunkels und India Pale Ale (IPA – siehe Kasten). Auf der Suche nach dem besten Geschmack dieser vier Varianten testeten die Jungunternehmer das Hopfen-, Malz- und Hefe-Angebot der gängigen Lieferanten der Getränkeindustrie und probierten vor allem verschiedene Hefesorten unter unterschiedlichen Bedingungen aus. Hefe ist unter anderem für die Geschwindigkeit des Gärprozesses entscheidend, da ihr Stoffwechsel Zucker in Alkohol verwandelt und da spielt neben der Hefesorte auch die Raumtemperatur eine Rolle, wie Westermeier erläutert: „Es gibt ganz unterschiedliche Hefesorten, die unterschiedlich gut mit der Temperatur zurechtkommen. Daher war es auch eine Herausforderung, die richtigen Hefestämme zu finden, denn es läuft bei uns ja bei Raumtemperatur ab. Und je höher die Temperatur, desto schneller funktioniert’s auch.“ So versuchte man es sowohl im kühlen Keller als auch an der warmen Heizung, um ein möglichst breites Spektrum von Bedingungen zu testen. Wobei nicht nur interessant war, dass Hefe bei unterschiedlichen Temperaturen unterschiedliche Geschmacksstoffe produziert, sondern natürlich auch, wie diese wiederum mit Hopfen und Malz zusammenwirkten.

Bierfässchen-(14-von-302)_114Auf diese Weise wurden zwischen 300 und 400 Varianten produziert, gekostet, verworfen oder weiterentwickelt, bis das Resultat den Bierpionieren schmeckte. Und nicht nur ihnen, denn schließlich mussten die wöchentlich 30 bis 40 Liter aus der Versuchsproduktion ja irgendwo hin. So waren bei der Verkostung immer Freunde mit von der Partie, denen man auch mal Proben zu Grillpartys mitgab, wenn man die Feste nicht gleich selbst veranstaltete. Natürlich war es wichtig, dass das Ergebnis möglichst vielen schmeckte.

Ein wichtiger Schritt, der das junge Unternehmen Ende 2011 enorm weiterbrachte, war der Besuch der „Brau-Beviale“, einer Messe für die internationale Getränkewirtschaft in Nürnberg. Dort fand man nicht nur einen Lieferanten für Pflanzenextrakte, die sich gut vergären lassen, sondern entdeckte auch geröstete Holzchips, die eigentlich zur Whiskeyveredelung gedacht sind, als Geschmacksgeber für Biere. „Das hat uns gleich von Anfang an fasziniert“, erzählt Guber, „weil diese Holzchips perfekt zum Braufässchen passen – von der Größe und allem. Wir haben gleich Produktproben mitgenommen und das Ergebnis ist einfach super: ein ganz neues Bier-Erlebnis.“ Zur Zielgruppe der Braufässchen zählen in erster Linie genuss-orientierte Menschen, denen es eine Freude ist, selbst den Geschmack ihres Bieres zu gestalten, und für die bereits der Weg zum Fass ein Erlebnis ist.

Auf der Braufässchen-Website ist alles so angelegt, dass sich Kunden sofort zurechtfinden. Der Anspruch: Ganz einfach soll es sein, sich seinen individuellen Brausatz nach Hause kommen zu lassen. Und so genügen drei Schritte zum persönliches Gebräu: Biertyp auswählen (Pils, Weißbier, IPA oder Dunkles), Hopfengrad einstellen (mittel, normal oder stark), schließlich nach Belieben bis zu drei Aromen dazugeben – und dann zur Online-Kasse. Beim Hopfengrad, der herben Komponente jedes Bieres, ist der Charakter des jeweiligen Grundtyps bereits berücksichtigt, wie Guber ausführt: „Wenn ich bei IPA aufs Herbe gehe, dann ist das schon sehr bitter. Aber wir entwickeln das für jeden Biertyp tatsächlich einzeln.“ Dabei sind der Fantasie des Braufässchen-Kunden kaum Grenzen gesetzt. „Wir haben auch Leute, die mögen es ausgefallen und nehmen dann herbes IPA oder Pils und dazu dann Jalapeño extra-scharf … “

Wer weniger experimentierfreudig ist und sich in erster Linie einmal im Bierbrauen versuchen möchte, kann auch den Empfehlungen des Teams folgen und eine der fertig-konfigurierten Geschmackskombinationen bestellen – übrigens auch über Online-Quellen wie Amazon oder Ebay, wo außerdem die nicht aromatisierten Grundtypen von Pils bis IPA erhältlich sind.Bierfässchen-(156-von-302)_170

Über die verschiedenen Kanäle hat Braufässchen seit seinem Bestehen über 50.000 Liter verkauft. 2013 sollen es insgesamt 12.000 Fässer gewesen sein, für 2014 sind sogar 35.000 Fässer angepeilt.

Ein Verkaufsschlager ist derzeit das Pils mit amerikanischer Eiche. Wolfgang Westermeier selbst begeistert sich besonders für Kombinationen mit Holzaromen und Dominik Guber hat das Weißbier mit Mango für sich entdeckt – wo doch beide ursprünglich keine ausgesprochenen Weißbierfans waren. Aber fünf Monate Weißbierverkostung am Anfang der Versuchsreihen haben eben ihre Spuren hinterlassen, und es ist sicher eine Auszeichnung für die Qualität des Braufässchen-Weizens, dass diese Erfahrung nicht den gegenteiligen Effekt hatte …

Auch viele Käufer haben noch lange nicht genug von den Braufässchen. Eine Stammkundschaft ist bereits erkennbar, wenn dabei auch ganz unterschiedliche Käufertypen vertreten sind: Vom experimentierfreudigen Foodie, der jede Woche ein anderes Bier ausprobiert, bis zum Genießer, der bereits von seiner ersten Bestellung so überzeugt war, dass er nur noch diese Variante ordert. Über die Möglichkeit eines Abos für Stammkunden wird gerade nachgedacht.

Hier zeigt sich auch, dass das Braufässchen-Konzept aufgegangen ist, dem Kunden das Erlebnis Selberbrauen so einfach wie möglich zu machen. Das geht übrigens so weit, dass die Zutaten in der Reihenfolge ihres Auftretens durchnummeriert sind und die Flasche mit dem Malzextrakt eine Skala aufweist: So kann man sie gleich zum Abmessen der nötigen Wassermenge verwenden, falls der Braumeister gerade keinen Messbecher zur Hand hat. Apropos Wasser. Bei der einzigen nicht mitgelieferten Zutat kann natürlich der jeweilige Härtegrad den Geschmack beeinflussen. Die Erfinder des Braufässchens haben auch das berücksichtigt, und experimentell herausgefunden, dass man zwar Unterschiede bemerkt, das Bier aber immer gut schmeckt. Dominik Guber meint dazu: „Wir wollen gar nicht, dass das Ergebnis immer hundert Prozent gleich schmeckt. Wenn ich mein Bier selbst braue, dann gebe ich etwas mehr oder weniger Wasser mit hinein, weil ich das gerade eben so mache … es soll eben auch immer eine persönliche Note haben.“

Von ihrem Bier sind die drei Unternehmer völlig überzeugt. Sie grenzen sich bewusst vom Trend der süßen Gemische ab, die man im Supermarkt findet. „Wir haben versucht, uns vonBierfässchen-(34-von-302)_128 Biermischgetränken zu unterscheiden“, sagt Guber. „Es soll nicht extrem süß oder extrem rauchig oder zu holzig schmecken. Unser Ansatz ist, das Bier in den Mittelpunkt zu stellen, das von einem leicht fruchtigen, holzigen oder Gewürzaroma unterstrichen werden soll.“ „Ich mag eigentlich auch nur noch unser Bier“, ergänzt Westermeier und kommt ins Schwärmen: „selbst ohne Aroma, denn es ist ja so eine Art natürliches Kellerbier: naturtrüb, nicht gefiltert, und es hat so eine ganz feinperlige Kohlensäure …“

Das macht schon beim Zuhören Lust, sich gleich ein Braufässchen zu bestellen. (www.braufaesschen.com) – wer sich traut, braut!

Bier steht bei vielen immer noch in dem Ruf, bloß ein Getränk zu sein, mit dem man sich betrinken kann – während man Wein gezielt als Begleiter erlesener Gerichte auswählt. Die Biergestalter von Braufässchen wünschen sich für ihr Bier natürlich einen ähnlich positives Image. Aber welche Geschmackskreation passt am besten zu welchem Essen? Hier ein paar Empfehlungen:

Lachs aus dem Ofen:     Pils mit Lemon Gras

Schweinebraten:             Weißbier oder Dunkles mit Eichenholz „Das passt perfekt.“

Steak mit Salat:                IPA – „die männliche Variante“

Gegrilltes: Pils mit Eichenholz und Lemon Gras (der Sommerhit: rauchig und trotzdem erfrischend) oder IPA mit Lemon Gras

Pasta: Weißbier mit Maulbeerbaum-Rinde („nicht so herb, aber mit Fruchtaromen“, so Wolfgang Westermeier) oder Pils mit Grapefruit und Passionsfrucht („nicht so krass bierig-dominant“, meint Dominik Guber)
Und für die Winterzeit gibt es drei besondere Empfehlungen. Dunkles mit Eichenholz und Honig, Weißbier mit Burbon-Holz (aus gescheredderten Whiskeyfässern!)

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India Pale Ale (IPA)

Oft wird berichtet, dass die Engländer, als sie im 18. Jahrhundert ihre Landsleute in Indien mit Bier versorgen wollten, während der Reise ums Kap der Guten Hoffnung mit der Haltbarkeit des Getränks zu kämpfen hatten. Zu diesem Zweck seien Biere zum einen mit stärkerem Alkoholgehalt aber auch mit gesteigertem Hopfen-Anteil gebraut worden, welcher ihnen einen besonders fruchtigen Geschmack verlieh. Diese Entstehungsgeschichte wird allerdings von manchen angezweifelt, da lange vor der Existenz des „Pale Ale for India“ bereits schwächeres Bier erfolgreich nach Asien geliefert worden sei. Sollte das damalige IPA am Zielort wieder mit Wasser verdünnt werden, um den üblichen Alkoholgehalt zu erreichen, so weiß man heute verschiedene Sorten in der ursprünglich nur zum Verschiffen gedachten Stärke zu schätzen (ca. 5,5% im Braufässchen).

Autor: Tobias Rothenbücher

Fotos: Michael Luber; Interview:  Christian Beer

Ein Kommentar

  1. Jens 3. März 2014 um 12:51 Uhr- Antworten

    Bin gerade durch Zufall auf Euren Artikel gestoßen. Echt faszinierend die Geschichte und vor allem interessant, daß es dem genussfreudigen Endbenutzer so einfach gemacht wurde Bier herzustellen.
    Ich überlege sogar, ob ich schwach werde und das auch mal ausprobiere 😉
    Schöner Artikel, ist mir bisher so nicht über den Weg gelaufen!

    Gruß,
    Jens

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